Worüber ich mich heute freue … und worüber nicht
 

Für alle, die beruflich mit dem deutschsprachigen Buchmarkt zu tun haben, gibt es zwei Branchenmagazine. Das eine heißt „Börsenblatt“. Als ich einer Neuautorin kürzlich mitteilte, ihr Buch werde mit einer Anzeige im Börsenblatt beworben, freute sie sich und fragte kurz darauf etwas irritiert: „Aber was hat mein Buch mit der Börse zu tun?“ Das andere Branchenmagazin für den Buchmarkt trägt den weniger irritierenden Namen „Buchmarkt“. Im Buchmarkt gab es lange Jahre die Online-Rubrik „Darüber freut sich heute: …“. Als Verlagsmitarbeiter konnte man der freundlichen Buchmarkt-Redaktion früh morgens eine Mail schicken mit einem Foto und einer kurzen Erklärung, warum man sich an diesem Morgen noch mehr als gewöhnlich über das Glück freute, mit und für Autor*innen arbeiten zu dürfen. Grund zur besonderen Freude waren meistens positive Auftritte der eigenen Autor*innen in den Medien. Mit ein bisschen Glück gingen Bild und Text wenig später online und die Kolleg*innen aus dem Buchhandel erfuhren von einem Buch, das gerade besondere Aufmerksamkeit bekommt und einen besonderen Platz im Sortiment verdient. Ich habe mich immer gern mitgefreut. Gut, hin und wieder war ich auch etwas neidisch. Die Aufmerksamkeit für Autor*innen und Bücher in den Medien war und ist nach wie vor einfach viel zu begrenzt.

 

Die Rubrik „Darüber freut sich heute: …“ wurde meines Wissens eingestellt. Bestimmt nicht, weil niemand in der Buchbranche im deutschsprachigen Raum sich mehr morgens freut. Vielleicht pausiert die Rubrik ja auch nur. Worauf ich hinaus will: Heute Früh habe ich mich ganz besonders gefreut. In der Süddeutschen Zeitung kann man an diesem Freitag das spannende Gespräch der Journalistin Nadine Regel mit der samisch-norwegischen Bergsteigerin Kristin Harila nachlesen. Freude! Auf einer ganzen Seite. Noch mehr Freude! Auf der Panorama-Seite. Mehr Freude geht nicht? Doch: Das Gespräch wird parallel auf dem Instagram-Kanal der SZ beworben und wurde schon knapp 2.000-mal geliked! Anfang der Woche erschien bereits ein großes Interview mit Kristin Harila in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ich freue mich also schon zum zweiten Mal in einer Woche ganz besonders und die Freude muss hier jetzt einfach mal raus. Mit Foto.

 

In den Gesprächen in der SZ und FAZ erzählt Kristin Harila unter anderem, warum sie sich nie selbst als Alpinistin bezeichnen würde. Außerdem berichtet sie mit schmerzhafter Offenheit, wie sie lange Zeit um ihre körperliche und seelische Gesundheit fürchten musste. Sie fürchtete sich aber nicht etwa in der sogenannten „Todeszone“ über 8.000 Metern Höhe. Die Angst begann nach ihrer Rückkehr von den höchsten Bergen der Welt, als die (männliche) Online-Gesellschaft aus Alpinisten und Nicht-Alpinisten ihr unterstellte, bei ihrem Weltrekord der bisher schnellsten Besteigung aller 14 Achttausender „über Leichen gegangen zu sein“, weil bei einem ihrer Gipfelerfolge ein Höhenträger einer anderen Expedition am Berg auf tragische Weise starb. Dabei hatte sie gemeinsam mit anderen Mitgliedern ihrer Expedition alles Menschenmögliche daran gesetzt, den Träger zu retten. Kristin Harilas Geschichte zeugt von ungeheurem Mut. Von dem Mut, den es braucht, um die höchsten Berge der Welt zu besteigen. Und von dem Mut, den es braucht, um sich von einem Online-Mob nicht mundtot machen zu lassen. Ihre Geschichte zeigt auch: Unsere (Online-)Gesellschaft wird zur Todeszone, wenn Falschbehauptungen, Unterstellungen und Verleumdungen viral gehen.

 

In dieser Hinsicht gibt es eine Sache, die meine Freude über die großen Berichte trübt. In den Instagram-Kommentaren zu einem der Interviews finden sich erneut feige hinter Pseudonymen versteckte Falschbehauptungen und Hassbotschaften. Warum werden diese Kommentare nicht konsequent moderiert? Fürchten die Moderatoren einen Shitstorm wegen vermeintlicher „Zensur“? Kristin Harilas Buch ist ihre Liebeserklärung an die Berge. Es ist das Zeugnis einer Weltrekord-Leistung, die das Bergmagazin ALPIN mit dem Wort „unfassbar“ auf den Punkt bringt. Es ist für mich aber vor allem ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Mut im Leben. Etwas mehr Mut in den Online-Redaktionen im Umgang mit Hatern, darüber würde ich mich freuen.

von Philip Laubach

 

 

 

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