"Giving up is not in the blood"
Dieses Wochenende wollte ich einen Newsletter schreiben. Ich wollte darüber schreiben, wie ich seit 20 Jahren auf der Suche nach Autorinnen und Büchern für den deutschsprachigen Buchmarkt bin. Darüber, dass die Namen der Verlage und Programme, für die ich auf der Suche bin, im Laufe der Zeit gewechselt haben und dass ich seit Herbst letzten Jahres für meinen eigenen Verlag auf der Suche bin. Darüber, dass ich diesen Trüffelschwein-Part des Verlegens mag, auch wenn ich das Wort „Trüffelschwein“ nicht mag.
Aber es kam an diesem Wochenende immer irgendwas dazwischen, was mir wichtiger war. Meine Tochter wollte gerne auf den Sportplatz, meine Mutter musste ins Krankenhaus und mein Sohn kam zu Besuch. Ich dachte, schreibe ich halt, wenn alle schlafen, aber da war ich dann selbst zu müde. Irgendwann gab ich auf.
Wäre ich wacher gewesen, hätte ich davon erzählt, wie ich vor vier Jahren zufällig einen Buch-Trüffel mit dem Titel „Beyond Possible“ entdeckte, weil er als einziger englischsprachiger Titel unter den Top 100 der deutschen Amazon-Bestseller auftauchte. Ich hätte erklärt, dass der Grund dafür schnell gefunden war: Der Autor des Buches war ein nepalesischer Bergsteiger und Held der seinerzeit extrem populären Netflix-Doku „14 Peaks - Nothing is Impossible“. Ich schaute die Doku und war begeistert.
Ich bestellte das Buch und ahnte schon nach wenigen Seiten: Trüffel. Ich hätte erzählt, wie dieser Bergsteiger aus Nepal namens Nimsdai Purja es dank seiner Willenskraft, seines positiven Denkens und eines Zufalls aus ärmlichsten Verhältnissen in den Olymp des Höhenbergsteigens geschafft hatte. Ich hätte die Stellen aus dem englischen Paperback zitiert, die ich bei der ersten Lektüre fett unterstrichen hatte, weil sie oft ebenso schlicht wie inspirierend waren. Zum Beispiel den Satz: „Giving up is not in the blood.“
Und ich hätte erzählt, wie ich Reinhold Messner um ein Vorwort für die deutsche Ausgabe des Buchs bat. Er schrieb es, und meine Redaktion und ich machten daraus ein Nachwort, weil wir fanden: Wenn ein nepalesischer Bergsteiger es zu Weltruhm bringt, dann braucht er bestimmt keine Einführung von einem westlichen Bergsteiger. Dann steht er für sich selbst und für all die fantastischen Bergsteiger aus seinem Land, die oft einfach nur als Sherpas bezeichnet werden. Ich hätte – ohne Namen zu nennen – davon erzählt, wie ich das Coverporträt ein ums andere Mal zurück an die Repro gehen ließ, weil der nepalesische Bergsteiger darauf bis kurz vor Drucklegung immer noch so weiß war wie ein weißer Bergsteiger aus dem Westen. Nimsdai Purja hat Armut, Asthma und Militäreinsätze in Afghanistan überlebt. In Sachen männliches Ego war er wahrscheinlich der Einzige, der es mit Reinhold Messner aufnehmen konnte.
Ich wollte das alles erzählen, weil dieser Bergsteiger nun plötzlich nicht mehr am Leben ist. Das bestätigen inzwischen offizielle Quellen von der Tagesschau bis zur New York Times. Zusammen mit aktuell fünf anderen legendären nepalesischen Bergsteigern ist er einer gewaltigen Lawine am Karakorum-Achttausender Broad Peak zum Opfer gefallen.
Statt eines Newsletter nur so viel: Nimsdai Purjas Tod macht mich sehr traurig. Ich werde ihn vermissen, auch wenn ich ihm nie persönlich begegnet bin. Sein Tod wirft mich aber auch auf die Frage zurück, warum ich Geschichten von Bergsteigern und Bergsteigerinnen seit meiner Jugend so liebe und immer wieder aufs Neue verlege, obwohl ich weiß, dass ihre Protagonistinnen ihr Leben riskieren. Vielleicht schreibe ich darüber beizeiten ja mal einen Newsletter.
R.I.P. Nimsdai Purja.